Winterbericht Schweiz 2021/22: Extrem schneearm im Süden, allgemein weniger Lawinenunfälle

13.04.2022
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Informationen vom Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF)

Der Winter 2021/2022 begann vielversprechend, gebietsweise schneite es im November sogar etwas früher ein als normal. Über den ganzen Winter gesehen, war im Norden dank der ergiebigen Dezember- und Februarschneefälle die Schneelage in der Höhe nur leicht unterdurchschnittlich, trotz der langen Trockenperioden im Januar und März. In tiefen Lagen waren die Schneehöhen im Norden hingegen stark unterdurchschnittlich. Ganz anders präsentierte sich die Situation im Süden. Dort lag wegen der noch größeren Trockenheit und Wärme extrem wenig Schnee. An einigen langjährigen Messstationen im Tessin und in Südbünden lag noch nie so wenig Schnee wie in diesem Winter.


Bereits früh im Herbst bildete sich in der Höhe eine dünne Schneedecke, die sich bald zur ersten prominenten Schwachschicht entwickelte. Mit Schneefällen Anfang Dezember war die Lawinensituation erstmals verbreitet sehr kritisch. Ende Dezember führte dann Starkregen teils bis auf 2800 m zu vielen spontanen, teils sehr großen nassen Lawinen. In der Folge stabilisierte sich die Schneedecke markant und im sehr trockenen und sonnigen Januar war die Lawinensituation verbreitet recht günstig. Die Situation änderte sich Anfang Februar markant. Mehrere Winterstürme führten zu einer anhaltend kritischen Lawinensituation, in den inneralpinen Gebieten sogar bis Ende Februar. Ähnlich wie der Januar war auch der März sehr trocken und die Lawinensituation wieder recht günstig. Nach einem Saharastaubereignis Mitte März war die Lawinengefahr zunehmend vom Tagesgang geprägt, mit nassen Lawinen im Tagesverlauf. Anfang April kehrte der Winter kurz zurück.


In diesem Winter prägten die langen Trockenphasen, aber auch intensive Winterstürme und Regen bis in hohe Lagen die Lawinensituation. Der Regen aber auch die langen Trockenphasen verstärkten die Bildung von verschiedenen, lang bestehenden Schwachschichten in der Schneedecke. Die meisten Lawinenunfälle standen im Zusammenhang mit dem schwachen Altschnee.


Bis am 11. April 2022 wurden 145 Lawinen mit Personen- und Sachschäden gemeldet. Die Anzahl der Personenlawinen lag mit 116 unter dem Durchschnitt von 131 Personenlawinen bis am 11. April. Dabei kamen 12 Personen in Lawinen ums Leben. Dies ist ein Drittel weniger als im langjährigen Mittel, das am 11. April bei 18 Todesopfern liegt.

Typische Aspekte des Winters 2021/2022

Dünne Herbstschneedecke wurde schwaches Schneedeckenfundament


Im Oktober lag nur wenig Schnee an Nordhängen im Hochgebirge. In der ersten Novemberhälfte schneite es in den hohen Lagen ein, mit Schwerpunkt der Schneefälle am Alpenhauptkamm, im Süden und in Graubünden. Erstmals lag eine geschlossene, aber noch recht dünne Schneedecke oberhalb der Waldgrenze. Ende November fiel am Alpennordhang erstmals ergiebig Schnee bis in mittlere Lagen. In der Folge wurde die dünne Schneedecke und auch die Schneeoberfläche an Schattenhängen aufbauend umgewandelt. Ende November war sie bereits eine schwache Unterlage für den Schnee der ersten Dezemberhälfte, wo es im Norden und Westen wiederholt und teils ergiebig schneite. Auch in den Voralpen, im Jura und im Sotto Ceneri fiel der erste Schnee. In den Bergen verfrachtete stürmischer Wind den Neuschnee. Neu- und Triebschnee, aber auch der schwache Altschnee prägten die erste Lawinenperiode mit grosser Lawinengefahr (Stufe 4) für trockene Lawinen Anfang Dezember. Besonders an Schattenhängen oberhalb von 2200 m lag der Neuschnee auf der dünnen, kantig aufgebauten Herbstschneedecke. Verbreitet gingen Lawinen spontan nieder und konnten leicht durch Personen ausgelöst werden. Am Alpennordhang und im westlichen Unterwallis wurde der Altschnee im Dezember zunehmend mächtig überdeckt, so dass Auslösungen durch Personen meist nicht mehr möglich waren. Mit geringerer Überdeckung des Altschnees, wie es vor allem im südlichen Wallis sowie in Nord- und Mittelbünden der Fall war, ereigneten sich in diesen Gebieten weiterhin einige Lawinenunfälle mit Personen.


Zum Jahresende Starkregen bis in hohe Lagen und aktivste Phase mit nassen Lawinen, danach rasche Stabilisierung und oft günstige Verhältnisse im Januar


In der zweiten Dezemberhälfte war es mild und die Schneeoberfläche wurde an sehr steilen Südhängen bis in mittlere Lagen feucht. Feuchte Rutsche und Gleitschneelawinen prägten neben dem inneralpinen Altschneeproblem die Lawinensituation. An Schattenhängen hingegen blieb die Schneedecke trocken und an der Oberfläche bildete sich Oberflächenreif. Die Wärme fand ihren Höhepunkt Ende Dezember, als mit Starkniederschlägen die Schneefallgrenze auf 2400 m bis 2800 m anstieg. In der Folge prägten Nassschnee, aber auch der schwache Altschnee die zweite und bisher aktivste Lawinenperiode, diesmal mit vorwiegend nassen Lawinen und großer Lawinengefahr (Stufe 4) für nasse und trockene Lawinen. Die Schneedecke wurde teils bis in tiefe Schichten feucht und viele Nassschneelawinen waren die Folge. Teils wurden die Lawinen sehr groß und stießen bis in die Tallagen vor. Sachschäden wurden aber in dieser Periode bisher keine bekannt und es kamen auch keine Personen zu Schaden. Nach dem Regen nahm die spontane Lawinenaktivität rasch ab. Mit der Abkühlung stabilisierte sich die Schneedecke markant und an der Schneeoberfläche bildete sich bis in hohe Lagen eine teils dicke Schmelzharschkruste.


Abgesehen von etwas Schneefall im Norden in der ersten und in der vierten Januarwoche, waren Wetter und Lawinensituation im Januar wiederholt recht günstig. Die Lawinengefahr war in der zweiten Monatshälfte verbreitet gering (Stufe 1). Triebschnee verbreitet und Altschnee in den inneralpinen Gebieten waren die Hauptprobleme. Der oberflächennahe Schnee wurde aufbauend umgewandelt und locker und verlor damit seine Eigenschaft als Schneebrett, das die Bruchausbreitung unterstützt. Lawinenauslösungen im Altschnee wurden immer seltener. In der Schneedecke entstanden allmählich aber weitere Schwachschichten, besonders im Bereich der Schmelzharschkruste von Ende Dezember.


Am Ende des recht trockenen, warmen und sonnigen Januars lag verbreitet weniger Schnee als üblich um diese Jahreszeit und im Süden lag bereits ausserordentlich wenig Schnee.


Viel Neuschnee im Februar und aktivste Phase mit trockenen Lawinen


Zum Monatswechsel kam der lang ersehnte Schnee und im Februar folgten mehrere Winterstürme aufeinander. Nur im Süden blieb es einmal mehr weitgehend trocken. Anfang Februar schneite es im Norden und Osten ergiebig. Neu- und Triebschnee und besonders der schwache Altschnee prägten die Lawinensituation. Störanfällige Schwachschichten waren verbreitet an der Altschneeoberfläche und im Bereich der Schmelzharschkruste von Ende Dezember vorhanden, in den inneralpinen Gebieten aber auch im bodennahen Altschnee. Die Folge war die dritte Lawinenperiode mit großer Lawinengefahr (Stufe 4) für trockene Lawinen in den ersten Februartagen. Es war die Periode mit den meisten spontanen trockenen Lawinen in diesem Winter. Im weiteren Verlauf des Februars war die Situation abseits der Pisten anhaltend sehr kritisch mit verbreitet erheblicher und teils auch großer Lawinengefahr (Stufe 3 und 4). Gründe dafür waren die wiederholten Schneefälle, Mitte Februar auch Regen bis in hohe Lagen sowie eine ungünstige Altschneeoberfläche und inneralpin das anhaltende Altschneeproblem. Im Februar ereigneten sich die meisten Lawinenunfälle des Winters. Von den bisher zehn tödlichen Lawinenunfällen des Winters fallen sieben allein in die erste Februarhälfte. Lawinenauslösungen durch Personen im Altschnee prägten weit in die zweite Februarhälfte hinein noch die Lawinensituation im südlichen Wallis und vom nördlichen Tessin über Mittelbünden bis ins Unterengadin. Ende Februar nahm die Lawinengefahr dann auch in diesen Gebieten ab.


Im März oft günstige Lawinensituation, markantes Saharastaubereignis Mitte März und Übergang zur Frühlingssituation mit nassen Lawinen im Tagesverlauf, Wintereinbruch Anfang April


Der März begann mit mehrheitlich günstigen Verhältnissen mit viel Sonne und geringer und mässiger Lawinengefahr (Stufe 1 und 2). Die Lawinengefahr ging von eher kleinen Triebschneeansammlungen in der Höhe aus. Kräftige südliche Höhenwinde brachten Mitte März nicht nur steigende Temperaturen, sondern auch viel Saharastaub. Verbreitet wurde er auf der Schneeoberfläche abgelagert und färbte diese dunkel. Dadurch konnte an der Schneeoberfläche mehr Sonnenstrahlung absorbiert werden, was den Schnee wärmte und die Schneeschmelze beschleunigte. In der Folge gingen einige, meist oberflächliche nasse Lawinen nieder. Nur vereinzelt wurden in Graubünden feuchte Lawinen beobachtet, die im Altschnee anrissen. Auch in der zweiten Märzhälfte hielt die Trockenheit an. Mit der tageszeitlichen Erwärmung und Einstrahlung schritt die Durchfeuchtung der Schneedecke weiter voran. Die Gefahr von trockenen Lawinen war meist gering (Stufe 1) mit einem leichten Anstieg der Gefahr von nassen Lawinen im Tagesverlauf. Ende März lag in allen Gebieten weniger Schnee als normal um die Jahreszeit. Im Süden lag in der Höhe extrem wenig Schnee und mittlere Lagen waren meist schon aper. Der Wintereinbruch von Anfang April sowie weitere Niederschläge in der zweiten Aprilwoche sorgten für einen deutlichen Anstieg der Lawinengefahr, im Westen auf Stufe 4 (gross). An der generell unterdurchschnittlichen Schneelage änderte sich aber kaum etwas.

Klimatologische Einordnung

Das Einschneien erfolgte diesen Winter schweizweit Anfang November für Höhenlagen oberhalb von rund 2200 m, in Graubünden sogar oberhalb von rund 1500 m. Dies war für Höhenlagen unterhalb von 2000 m rund ein bis zwei Wochen früher als normal. Am Alpennordhang bildete sich die winterliche Schneedecke oberhalb 800 m verbreitet am 26. und 27. November. Viele weitere Schneefälle in den folgenden Tagen und Wochen trugen dazu bei, dass einige wenige Westschweizer Stationen auf rund 1300 m kurz vor Monatsmitte rekordhohe Schneehöhen für dieses Datum verzeichneten. Eine Woche vor Weihnachten waren die Schneehöhen darum zwischen 500 und 1500 m am Alpennordhang rund zwei- bis viermal so hoch wie normal, oberhalb von 2000 m noch rund eineinhalbmal so hoch.


Die Schneedecke blieb oberhalb von 1000 m am Alpennordhang bis Mitte März erhalten. Womit die Anzahl Tage mit Schneedecke am Alpennordhang bis Ende März im normalen Bereich lag, mit Ausnahme des Höhenbandes zwischen 600 und 900 m, wo eine leicht überdurchschnittliche Anzahl Tage verzeichnet werden konnte. Im Gegensatz dazu lag im Mittelland verbreitet nur wenig Schnee. Nach einer aussergewöhnlich langen Phase von rund 30 Tagen ohne Neuschnee wurden Ende März oberhalb von 1500 m am Alpennordhang und im Engadin verbreitet noch 30 bis 60 % der üblichen Schneehöhe registriert.


Ganz anders präsentierte sich die Situation am Alpensüdhang, insbesondere im Tessin und im Simplongebiet. Unterhalb von 1800 m lag am Alpensüdhang Ende März kein oder nur wenig Schnee. Dort bestand aufgrund der seit Anfang Winter anhaltenden Niederschlagsarmut nur oberhalb von 1800 m eine dünne permanente Schneedecke seit November. Entsprechend war die seit November täglich aufsummierte Neuschneesumme an vielen Stationen in diesen Regionen der kleinste je gemessene Wert. Entsprechend ist es nicht überraschend, dass auch die aktuellen Schneehöhen am Alpensüdhang an der Mehrheit der Stationen oberhalb von 1800 m zu den geringsten seit Messbeginn gehören.


Über die ganze Periode von November bis Ende März betrachtet, waren die mittleren Schneehöhen am Alpennordhang unterhalb von 800 m wegen überdurchschnittlich warmer Wintertemperaturen und am Alpensüdhang unterhalb von 1700 m wegen gleichzeitiger grosser Niederschlagsarmut stark unterdurchschnittlich. So wurde an den Stationen Airolo (TI, 1140 m), Campo Blenio (TI, 1215 m), Bosco Gurin (TI, 1525 m) und San Bernardino (GR, 1640 m) seit mindestens 1959 noch nie eine so geringe mittlere Schneehöhe gemessen. Oberhalb 2000 m waren die mittleren Schneehöhen am Alpensüdhang nur rund halb so hoch wie normal. Am Alpennordhang und im Engadin lagen die mittleren Schneehöhen seit 1. November zwischen 1200 und 2000 m bei 80 bis 100 % und oberhalb 2000 m bei 70 bis 90 % der langjährigen Normwerte (1991-2020).

Lawinengefahr

Bis am 11. April war die Verteilung der Gefahrenstufen im Winter 2021/2022 wie folgt: Stufe 1 (gering) 30 %, Stufe 2 (mässig) 38 %, Stufe 3 (erheblich) 30 %, Stufe 4 (gross) 2.6 %, und Stufe 5 (sehr gross) 0 %.


Perioden mit anhaltend und verbreitet großer Lawinengefahr (Stufe 4) waren vom 9. bis am 11. Dezember und vom 29. bis am 30. Dezember 2021, vom 1. bis am 3. Februar und vom 8. bis am 9. April 2022. Zudem war die Lawinengefahr an den Einzeltagen 30. November 2021, 4. Dezember 2021, 7. und 22. Februar 2022 gebietsweise groß (Stufe 4). Die kritischsten Lawinensituationen konzentrierten sich auf Dezember und Februar. Im Februar ereigneten sich mit Abstand die meisten Lawinenunfälle mit Personen. Demgegenüber stehen aber auch Phasen mit ausgesprochen günstigen Lawinenverhältnissen mit anhaltend und verbreitet geringer Gefahr von trockenen Lawinen (Stufe 1) im Januar und im März.

Lawinenunfälle und Schadenlawinen: Weniger Lawinenopfer und Schadenlawinen als im Durchschnitt der letzten 20 Jahre

Insgesamt wurden dem SLF vom 1. Oktober 2021 bis am 11. April 2022 145 Schadenlawinen (Sach- und Personenschäden) gemeldet. Darunter waren 116 Personenlawinen (Durchschnitt letzte 20 Jahre: 131) mit insgesamt 152 erfassten Personen. Auch die Anzahl der erfassten Personen liegt unter dem Durchschnitt der letzten 20 Jahre mit 194 erfassten Personen. Die Anzahl der Lawinen mit Sachschäden lag am 11. April bei 30 Lawinen und damit deutlich unter dem Durchschnitt der letzten 20 Jahre per Ende September mit 92 Lawinen; die vollständige Erfassung der Sachschäden liegt aber erst per Ende September vor.


Bis am 11. April starben 12 Personen in Lawinen. Auch die Opferzahl liegt unter dem 20-jährigen Mittel von 18 Todesopfern bis am 11. April. Alle Opfer waren Wintersportler, die sich im ungesicherten Gelände aufhielten: sieben Personen waren auf Touren unterwegs, fünf auf Variantenabfahrten. Bei zwei Unfällen kamen jeweils zwei Personen ums Leben, sonst jeweils eine Person. Eine abschliessende Bilanz wird erst am Ende des hydrologischen Jahres (30. September 2022) gezogen.

Quelle: SLF

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